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www.comicgate.de, 21. August 2014

Die Kolkas 6 - Mensch

"Ihr modernen Menschen! Habt ihr geglaubt, ihr seid unsterblich? Ihr seid einzigartig? Außergewöhnlich? Was wisst ihr schon vom Leben?" - Mit so viel Pathos muss man sich erst mal schreiben trauen. Holger Hofmann wagt es und holt im neuen Zyklus seiner Reihe Die Kolkas zum globalen Rundumschlag aus. Im Mittelpunkt der Geschichte steht der letzte Baum der Erde, der uns vom Aufstieg der Menschheit erzählt und davon, wie der Mensch sich selbst seine Lebensgrundlage entzog und nebenbei seinen Planet zerstörte. Das ist durchgehend gut strukturiert und stimmig erzählt, auch wenn Holger Hofmann teilweise arg dick aufträgt.
"Einst wart ihr ein Teil der Welt, ein Teil der Natur", klagt der Erzähler des Buchs. "Ihr wart voller Dankbarkeit und Respekt. Ihr hattet Achtung vor dem Leben und Achtung vor dem Tod. Jedes einzelne Lebewesen hattet ihr mit Würde behandelt und geachtet und respektiert. Auch die, die ihr gegessen habt." Solche Texte werden im Buch durch Bilder gestützt, die das primitive Leben als unschuldiges Paradies zeigen, welches durch die Entwicklung von Kultur und Wohlstand aus dem Gleichgewicht gerät. Erst durch menschliche Eingriffe und kulturelle Konstrukte wie Religion werden die Harmonie und der Frieden auf der Welt dauerhaft beschädigt. Gemäß der Verflechtung von allem mit allem gibt es den sorglosen Wohlstand der reichen Länder nur auf Kosten des ganzen großen Restes der Welt, was zur Versklavung der ärmeren Welt führt: "Und selbst euer Gewissen habt ihr abgelegt und euer eigenes Handeln Gott übertragen. In seinem Namen, getrieben von eurer gewissenlosen und maßlosen Gier, habt ihr eure neue Kultur der Herrschaft und Sklaverei der Welt aufgezwungen. Wie töricht und verlogen! Und diese neue Kultur war so mächtig. Die alten friedvollen Kulturen der Kooperation, all die guten Seelen unter euch hatten keine Chance. Sie konnten nur fliehen, sterben, sich versklaven lassen oder selbst ein Teil der neuen Kultur der Herrschaft werden."

Holger Hofmann zeichnet ein schlüssiges Bild dieser fatalen Entwicklung, und je weiter man sich in den Comic hineinliest, desto mehr geht einem dieses Bild an die Substanz, obwohl Hofmann immer wieder Humor in seine Bestandsaufnahme einstreut. Einzig und allein die Darstellung der glücklichen ursprünglichen Menschen mit ihrem direkten Draht zur Natur ist von fast schon sträflicher Naivität, ja Einfalt. So unbeschwert und fröhlich dürfte deren Leben kaum gewesen sein, denn warum sonst hätte der Mensch Schutz in Religion, Kultur, Geldwirtschaft und Fortschritt gesucht? Das primitive Leben ist eben doch zu entbehrungsreich und grausam, und die Natur sicher nicht so gutartig und vollkommen wie uns Hofmann hier weiszumachen versucht. Aber vermutlich blendet er jeden kritischen Gedanken an seine Utopie des ursprünglichen wahren Lebens schlicht weg, um seiner Polemik gegen den Zeitgeist noch etwas mehr Moment zu geben.
Ich halte die neue Kolkas-Episode trotz dieser Schwäche für einen herausragenden Comic, weil es Holger Hofmann auf über 100 Seiten perfekt gelingt, eine wahrhaftige Atmosphäre aufzubauen. Scheinbar mühelos springt er zwischen Poesie, Humor, Empörung und Zynismus hin und her und schafft damit ein beklemmendes Stimmungsbild, mit dem man sich sehr gut identifizieren, an dem man sich aber auch gut reiben kann.

Hofmann inszeniert seine kleine Menschheitsgeschichte als Vorspiel zu einem größeren Erzählzyklus. Erst im letzten Kapitel beginnt der eigentliche Plot, an dem die zukünftigen Bände anknüpfen sollen. Hier wird erzählt, wie eine arglose Familie der rigiden Politik eines skrupellosen Raumschiff-Commanders zum Opfer fällt. Hofmann spiegelt hier noch einmal en miniature das negative Menschenbild, das das ganze Buch durchzieht. Am Ende kündigt sich an, dass die letzten Menschen mit ihrem Raumschiff ausgerechnet den Planeten der Kolkas besiedeln wollen, die wir schon aus Holger Hofmanns bisherigen Bänden der Reihe kennen.

Ich empfehle jedem, der erst jetzt die Serie kennenlernen möchte, mit dem vorliegenden neuen Band zu beginnen. Er ist überzeugender und professioneller als die frühen, noch etwas grobschlächtigen Bände. Ganz offensichtlich sieht Holger Hofmann aber noch erzählerisches Potenzial in seinen putzigen Kolkas. Man darf gespannt sein, was er aus dem Aufeinandertreffen der beiden Welten noch herausholen wird.

Wertung: Fantastisch (9 von 10 Punkten)

Poetisch, grimmig und trotz einiger Anflüge von Kitsch beeindruckend: Der Weltuntergang im Zeitraffer und in ziemlich niedlichen Bildern.

Autor der Besprechung:
Christian Muschweck

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